An(ge)dacht

                                    

Mut und Fantasie

 

Das Herz ist ein ganz besonderes, lebenswichtiges Organ. Symbolisch steht es für das Zentrum unseres Lebens. Für das Innerste eines Menschen, wo sich entscheidet, wie er lebt, wer er ist. Jemand kann „herzlich“ sein, ein „weiches Herz“ haben. Damit meinen wir: Er oder sie ist offen, geht vorurteilsfrei auf seine Mitmenschen zu und lässt sich berühren vom Schicksal anderer. Wir kennen aber auch die Redewendung vom „Herz aus Stein“, wenn uns jemand kalt, gefühlslos, egoistisch, schlicht „hartherzig“ erscheint. Seinen Ursprung hat diese Redewendung in dem Prophetenwort des Hesekiel, der Jahreslosung für 2017:

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ (Hesekiel 36, 26)

 

Gesprochen hat er es in einer katastrophalen Situation: Das Volk Israel hatte den Krieg verloren, Jerusalem war zerstört, ein Teil der Bevölkerung verschleppt nach Babylonien, ins Land der Sieger. Die Israeliten in der Fremde aber auch in der zerstörten Heimat verzweifeln und werden „hartherzig“ - oder waren sie es gar schon vor der Katastrophe? Wenn wir die Worte Hesekiels im Zusammenhang lesen, wird klar: Die Hartherzigkeit ist nicht erst die Folge des Zusammenbruches, sondern schon eine der Ursachen! Hesekiel klagt, dass gerade die Schwächsten in der Gesellschaft ausgegrenzt und vergessen wurden. Und dennoch: Gott will gerade auch mit den Hartherzigen, den Resignierten einen neuen Anfang machen. Das „steinerne“ Herz will Gott entfernen und ein neues Herz schenken. Ein Herz, das wieder fühlt sich selbst und andere.

 

Wir ahnen, die Worte Hesekiels haben auch mehr als zweieinhalbtausend Jahre später ihre Aktualität nicht verloren. Denn Angst macht auch heute Herzen hart: Angst vor Fremden, Angst um die eigene Identität und Kultur, Angst vor dem Terror, Angst um die eigene Existenz und um die Zukunft. Die Sicherung des eigenen Lebens und der Wunsch nach Wohlstand können unempfindlich ja hart machen.

 

Gott sei Dank gilt aber auch uns die Verheißung: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Denn wir alle - die Gesellschaft als Ganzes aber auch jeder Einzelne brauchen doch immer wieder ein neues Herz und einen neuen Geist. Wir brauchen Mut und Fantasie, um immer neu zu beginnen. Mut, die Dinge beim Namen zu nennen, so wie Hesekiel das Unrecht und Unterdrückung seiner Zeit beim Namen nannte. Es braucht Mut, sich den Herausforderungen und Bedrohungen für ein gerechtes und friedliches Miteinander zu stellen. Wir brauchen ein lebendiges, mutiges Herz, das die Ängste vor dem Unsicheren im Leben nicht verdrängt, sondern sie zulässt und allmählich überwindet, weil wir ahnen, der Boden unter unseren Füßen trägt und wird auch in Zukunft tragen. Diesen Mut und diese Fantasie wünsche ich uns - nicht nur zu Beginn des neuen Jahres, sondern jeden Tag aufs Neue.

 

Ihr

 

Matthias P. Hörning