An(ge)dacht

alt

DENNOCH!

 

Mitte April haben wir Konfirmation gefeiert. Endlich. Mit einjähriger Verzögerung. Eigentlich hätten die Jugendlichen schon letztes Jahr am Palmsonntag ihren großen Tag gehabt. Aber dann kam Corona dazwischen. Und seitdem befinden wir uns alle - vor allem die Jugendlichen - in einer sonderbaren Situation. Seitdem ist alles anders.

Auch die Konfirmation war anders: Mit Mundschutz, mit Abstand, nur mit den engsten Familienmitgliedern, ohne Gesang.

Und DENNOCH ließen sich die Jugendlichen konfirmieren. Ich glaube, gerade dieses DENNOCH hat viel mit dem zu tun, worum es am Konfirmationstag geht.

Im letzten Jahr ist es für die Konfis nicht glatt gelaufen: Keine Schule, keine Treffen mit FreundInnen, keinen Gruppensport, keine Konfi-Tage, kein Einfach-mal-so-miteinander-raus-gehen, kein…

Unmissverständlich haben die Jugendlichen, ja haben wir alle lernen müssen: Das Leben läuft nicht immer glatt. Ganz egal, wie perfektioniert und durchgeplant es uns normalerweise erscheint. Wir sind verletzlich!

Und das wirft existenzielle Fragen auf nach verlässlichen Sicherheiten. Fragen nach dem eigenen Glauben: Taugt mein Glaube auch in Krisenzeiten? Trägt mich mein Vertrauen, auch wenn es ernst wird? Wird mein Vertrauen gar enttäuscht?

Oder mit den Worten des Paulus: Gibt es etwas, das mich von der Liebe Christi trennen kann? So fragt er im 8. Kapitel des Römerbriefes und gibt dann auch gleich die Antwort: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Das sind starke Worte; voller Zuversicht und Vertrauen. Dabei verschweigt Paulus aber nicht, dass es auch das andere gibt: Die Trostlosigkeit und die Angst vor Einsamkeit, vor politischem und wirtschaftlichem Chaos, Angst um Kinder, Enkel, Oma und Opa.

Paulus sagt also: Dies alles gehört zu unserer Welt. Er sagt nicht: Glaubende haben keine Angst. Oder: Christen erleben keine Bedrohungen. Oder: Als Konfirmierte hast Du nur ein schönes Leben. Das alles sagt er nicht. Er beschönigt nichts. Er sagt sehr nüchtern: Die Welt ist kein Raum immerwährender Glückseligkeit – auch nicht für den, der glaubt.

Das Entscheidende des Glaubens liegt nicht in der Behauptung, dass alles irgendwie schon in Ordnung sei. Das Entscheidende des Glaubens liegt darin, den Schmerz in unserer Welt und in unserem eigenen Leben wahrzunehmen – und DENNOCH darauf zu vertrauen, dass uns nichts von Gottes Liebe trennen kann. Gar nichts. Weder Tod noch Leben… weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges … weder Corona noch Lockdown, weder Wechselunterricht noch Homeschooling, weder Abstandgebot noch Maskenpflicht. Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes.

 

Sich das immer wieder bewusst zu machen und dann darauf zu vertrauen - das bedeutet Glaube. Ein Glaube, der hilft, auch in Krisenzeiten nicht in Panik zu verfallen, sondern die Fakten richtig einzuordnen und die richtigen Maßstäbe anzulegen; ein Glaube, der nicht bei sich selbst stehen bleibt, sondern sich mutig dem Mitmenschen zuwenden kann, weil er ja weiß, im Letzten kann mir nichts geschehen; da bin ich gehalten, geborgen, behütet und beschützt.

Glaube bedeutet nicht billige Vertröstung, die dann schon am erstbesten Hindernis zerschellt.

Glaube bedeutet: DENNOCH.

Diese Glaubenserfahrung wünsche ich nicht nur unseren Konfis!

 

Ihr Matthias P. Hörning


 


 


 

 

 

Offenbar weiß die Bibel ganz genau, dass wir diesen Zuspruch immer wieder nötig haben. Denn Angst gehört zu unseren Grundbefindlichkeiten. Jede und jeder von uns weiß, wie es ist, Angst zu haben.

Angst vor der Dunkelheit und vor den eigenen Abgründen. Das unerträgliche Herzklopfen beim Warten auf die Diagnose. Die Angst um unsere Lieben und die Angst, sie zu verlieren. Die Angst vor den rasanten Umwälzungen in unserer Gesellschaft. Die Angst vor der Klimakrise. Die Angst vor der zweiten Corona-Welle. Und nicht zuletzt die Angst, alles zu verlieren, das Leben selbst. Die Angst vor dem Tod. Wir haben das Leben nicht ohne Angst.

Angst hat mit Enge zu tun. Angst kann Menschen die Lebensimpulse nehmen, die Lebendigkeit. Sie kann blind machen und die Handlungsspielräume ganz klein werden lassen.

 

Darum ist es gut, als Gegenmittel gegen die Angst immer wieder dieses „Fürchte dich nicht!“ zu hören – und es sich gegenseitig zuzusprechen. Dabei geht es nicht darum, die Angst einfach weg zu reden. Das funktioniert ja nicht. Es geht darum, ihr die Grenzen zu zeigen. Ihr den Anspruch auf unser Leben streitig zu machen. Sie nicht überhand nehmen zu lassen. Denn das ist die Gefahr bei der Angst: Dass sie immer noch größer wird, dass man aus lauter Angst vor der Angst noch mehr Angst bekommt.

 

Wenn ich unterzugehen drohe vor lauter Angst, dann kann das helfen: Erinnert zu werden an das, was mich trägt und hält, was nicht verloren geht: „Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Vertraut klingen diese Worte, schon oft gehört zur Weihnachtszeit. Und bei ihrem Klang denken wir zuerst an das süße Kindlein in der Krippe. Doch dieses Kind ist auch der „Heiland“ und wird zu dem Mann heranwachsen, der im Leben und Sterben auf seinen Vater vertraut, der im Tod am Kreuz letztendlich unseren Tod überwindet. Der Tod hat verloren, heißt das. Endgültig.

 

Ob ich das verstehen und glauben kann? Wie wäre es wohl, wenn wir so leben würden, dass der Tod keine Macht mehr über uns hätte? Wenn der Angst ihre ärgste Spitze – nämlich die Angst zu sterben – genommen wäre? Was wäre das für ein Lebensgefühl, Gottes Gnade vor und hinter uns zu wissen, und ganz aus der Hoffnung heraus zu leben, dass wir im Letzten nichts zu fürchten haben? Ich bin überzeugt, wir würden zuversichtlicher leben und fröhlicher. Und wir hätten weniger Angst im Leben – also schon hier und jetzt.

 

„Fürchtet euch nicht! Denn euch ist heute der Heiland geboren.“ Das gilt nicht nur unterm Weihnachtsbaum. Das gilt immer.

 

Ihr

Matthias P. Hörning