An(ge)dacht

alt

Herr, wie lange noch?

Psalm 13

 

1Ein Psalm Davids, vorzusingen.
2HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?
3 Wie lange soll ich sorgen in meiner Seele /
und mich ängsten in meinem Herzen täglich?
Wie lange soll sich mein Feind über mich erheben?
4Schaue doch und erhöre mich, HERR, mein Gott!
Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe,
5dass nicht mein Feind sich rühme,
er sei meiner mächtig geworden,
und meine Widersacher sich freuen, dass ich wanke.
6Ich traue aber darauf, dass du so gnädig bist; /
mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.
Ich will dem HERRN singen, dass er so wohl an mir tut.

 

Liebe Gemeinde,

 

wir erleben in diesen Wochen dramatische Entwicklungen. Nicht nur unser Land stemmt sich mit aller Kraft gegen einen unheimlichen Virus, der immer mehr Menschen befällt. Einschneidende Maßnahmen sind weltweit ergriffen worden. Wie es in Zukunft weitergeht ist ungewiss.

Das Corona-Virus ist die wohl größte Herausforderung dieser Tage. Es bringt den gewohnten Alltag durcheinander: wie wir arbeiten, wen wir treffen, wie wir unseren Glauben leben können.

 

Damit verändert sich der Blick aufs Leben. Wie kann ich jetzt mit der Situation umgehen? Wer oder was trägt mich, wenn mich die Sorgen im Griff haben? Hat unser Glaube - wie der Rest des öffentlichen Lebens - nun "Sendepause"? Ist unsere Gottesbeziehung nur etwas für "schönes Wetter"? Ja, wo ist überhaupt Gott und was hat er mit dem allem zu tun?

 

Diese  Fragen sind existenziell und wiegen schwer, will man sie nicht so einfach beantworten, wie das manche Evangelikale Christen wie z. B. in den den USA tun. Sie sagen, dass dieses Virus nun Gottes Strafe für das "sündige Treiben" der Menschen sei. Das ist natürlich barer Unsinn und hat mehr mit Aberglauben als mit Glauben zu tun.

Aber die Anfechtung, wo Gott nun ist in dieser bedrohlichen Situation, die bleibt für uns.

 

Dabei sind diese negativen Erfahrungen der Verborgenheit Gottes nicht neu. Solange es Menschen gibt, gibt es sie und wird sie es noch geben. Die sogenannten Klagepsalmen der Bibel sind ein gutes Beispiel dafür. Der Beter des Psalms 13 weiß wortwörtlich ein Lied davon zu singen.

Feinde - wer oder was auch immer das war - umringen ihn; die Situation schein aussichtslos; und dennoch wendet sich der Beter an seinen Gott. Nicht unterwürfig, nicht so, dass er das Böse Gott zu schreibt - die Feinde bleiben Feinde und nicht Gottes Werkzeug, sonder so, dass er Gott sein Leid vorhält, dass er es ihm klagt. Er kann dies tun, gerade weil er auf die Beziehug zwischen sich und Gott vertraut, auch wenn jetzt im Moment davon nichts zu spüren ist. Die bereits erfahrene Zuwendung Gottes ist die Basis für neues Vertrauen gegen den Anschein. Kein Wunder, dass der Psalmbeter mit einem Lobgesang auf seinen Gott das Gebet beschließt.

 

Dieses Vertrauen des Psalmbeters imponiert mir. Es erinnert mich an meine persönliche Geschichte mit Gott. Es hilft mir, klar zu erkennen, worum es im Glauben geht und worum nicht. Zusammen mit dem Psalmbeter erkenne ich, dass mein Glaube nicht alles erklärt, nicht jeden Widerspruch auflöst. Christsein ist weder dauerhaftes Jammertal noch ein Leben von einem Höhepunkt zum nächsten. Manchmal erfahren wir positive Veränderungen und erkennen darin im Nachhinein Gottes Handschrift. Und manchmal müssen wir mit dem Schweren leben, ohne eine befriedigende Erklärung dafür. So wie in diesen Tagen der Pandemie.

 

Texte wie Psalm 13 laden uns ein, ehrlich zu sein. Ehrlich zu uns selbst und ehrlich zu Gott. Sie laden uns auch ein, zu klagen, uns zu beschweren, aber bei allem uns auch an der bisher erlebten Gottesbeziehung zu orientieren. Und sie laden uns ein ganz nüchtern damit zu leben, dass Gott die Dinge nicht immer nach unseren Vorstellungen verändert, aber dennoch immer bei uns ist.

 

Ihr Matthias P. Hörning