Am 12. November 1903 wurde zwischen der „Verwaltung der prot. Filialkirchengemeinde Carlstadt“[1] und der „Firma Carl Friedrich Ulrich (Inhaber Franz Schilling, Glockengiesserei in Apolda)“ ein Vertrag über die„Lieferung von Glocken und Glockenstuhl in die protestantische Kirche in Carlstadt“ geschlossen. Er gibt uns heute eine genaue Auskunft über diese ersten Glocken in St. Johannis:

 

㤠1.

Die Firma Franz Schilling verpflichtet sich zur Lieferung von 3 Glocken in der Stimmung:

 

as im ungefähren Gewicht von           550 kg

c                  -“-                                   250 kg

es                -“-                                   150 kg

                                                          950 kg

 

unter Zugrundelegung der Stimmung a – 435 Schwingungen incl. 3 Klöppel, 3 Joch von Eichenholz, 3 Riemen nebst Schrauben, 3 Paar Lagerungen, 3 Läuteschwengel mit Eisentheilen, - Läuteseilen und allem noch nöthigen Eisenzeug, ferner einen Glockenstuhl aus Schmiedeeisen in ungefährem Gewicht von 900 kg.

 

§ 2.

Für alle in § 1 ausgeführten Lieferungen und Leistungen wird eine Pauschal-Akkord-Summe von Mk. zweitausenddreihundert vereinbart. ...

 

§ 5.

Die Ablieferung und Aufstellung der neuen Glocken erfolgt 12 Wochen nach Abschluß dieses Vertrages.

 

§ 6.

Die Glocken werden in Apolda amtlicherseits gewogen und werden der Kirchenverwaltung behördlich gestempelte Wagscheine vorgelegt. ...

 

§ 8.

Die Firma Franz Schilling verpflichtet sich, die Glocken in harmonirendem, starkem, rundem und fortsingendem Ton sauber und rein von Guß und gutem Metall zu liefern bzw. zu gießen. Die Metallmischung besteht aus 78% bestem Kupfer und 22% Bankazinn.

 

§ 9.

Nach Ablieferung der Glocken gestattet die Firma Franz Schilling ein 24-stündiges Probeläuten und garantirt für deren Dauerhaftigkeit 10 Jahre lang vom Tage der Abnahme. Ausgenommen von der Garantiepflicht sind Beschädigungen von frevelhafter Hand oder solche durch Naturereignisse. Für die Armatur der Glocken ist eine 2-jährige Garantie zu übernehmen, jedoch ist die Gemeinde verpflichtet, die Schrauben etc. nachzusehen und anzuziehen.“[2]

 

altMit diesem Vertrag wurden die ursprünglichen Pläne bezüglich Glockenturm und Glockenanlage in der neuen St. Johanniskirche in Karlstadt grundlegend verändert. Noch in den Entwurfzeichnungen des Würzburger Architekten Anton Eckert aus dem Jahr 1901 fehlt der Glockenturm. Eigentlich sollte die St. Johanniskirche nur eine kleine Glocke erhalten. Dekan Pachelbel aus Würzburg hatte der Filialgemeinde in Karlstadt zugesagt, dass die Evangelischen Christen der Stadt Würzburg die Glocke stiften würden. Deshalb sollte diese eine Glocke dann auch den Namen „Würzburg“ tragen.[3]

 

Bereits im Juni 1903 hatte die Kirchenverwaltung in Karlstadt dann jedoch beschlossen, ihre Kirche mit einem Kirchturm zu versehen und ein Geläute von 2-3 Glocken zu erwerben. Vorher musste jedoch noch geklärt werden „wie viel höher der Turm im Preis werden würde.“[4]

 

Im August 1903 einigte man sich schließlich nach längerer Diskussion „das auf 903 M. lautende Turmbau-Projekt anzunehmen – da eine weitere Erhöhung des Turms um etwa 1 m. wegen der schwachen Fundierung oder auch wegen der beträchtlichen Mehrkosten nicht mehr möglich ist.“[5]

 

Vor 100 Jahren also hat man sich darauf geeinigt, das zunächst geplante Treppenhaus zu einem kleinen Kirchturm zu erhöhen und zu erweitern. Dem Einbau eines Glockenstuhl, einer Läuteanlage und der drei Glocken stand nun nichts mehr im Wege. Aus statischen Gründen war eine weitere Erhöhung des Kirchturms jedoch zu teuer, so dass die knappen Finanzmittel der Gemeinde einen weiteren Ausbau des Turms nicht mehr zuließen. Neben der Finanzierung des Kirchengebäudes und des angebauten Schulhauses musste ja auch noch an die Anschaffung und Finanzierung einer Orgel für die St. Johanniskirche gedacht werden. Dennoch legten die Verantwortlichen damals großen Wert auf ein eigenes Glockengeläut, denn damit wurde aus dem zunächst geplanten Betsaal doch ein Kirchenbau.

 

Nachdem bei der Firma Franz Schilling/Apolda ein Angebot für einen Glockenstuhl und drei Glocken eingeholt worden war, traf die Kirchenverwaltung in ihrer Sitzung vom 12. November 1903 den Entschluss, die Arbeiten an eben diese Firma zu vergeben.

altFranz Schilling war damals kein unbekannter Glockengießer, sondern zählte im Gegenteil zu den besten Glockengießern in Deutschland. Man hatte sich ganz bewusst für diese Firma entschieden, wollte man doch ein dauerhaftes und qualitativ hochwertiges Glockengeläut schaffen. Noch heute befindet sich eine dieser drei Glocken in unserem Kirchturm. Sie hat die Kriegszeiten überstanden, während die beiden anderen Glocken bereits im 1. Weltkrieg zu Rüstungszwecken abgeliefert werden mussten. So sind heute insgesamt leider nur noch wenige Glocken erhalten geblieben, die Franz Schilling Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegossen hat. Heute ist diese Glocke aus dem Jahr 1904 ein besonderes Schmuckstück unserer Kirche.

 

Franz Friedrich Schilling hatte im Jahr 1876 in Apolda die Gießerei von Carl Friedrich Ulrich junior übernommen. Mit seinen beiden Söhnen, die 1910 bzw. 1911 den Betrieb unter der Bezeichnung „Franz Schilling Söhne“ übernehmen sollten, hat Franz Schilling den Glockenguss in Apolda zu einer neuen Blüte geführt.

 

„Die Schillings können für sich das Recht in Anspruch nehmen, Apoldaer Glocken durch ihre hervorragende Qualität weltweit bekannt gemacht zu haben.“ [6]

 

Seit dem 6. Juni 1895 durfte sich Franz Schilling außerdem Hofglockengießermeister nennen. Dieser Titel war „zu jener Zeit von geradezu unschätzbarem Wert für die Aufwärtsentwicklung seines Betriebes; denn selbstverständlicherweise wählten viele wichtige Auftraggeber um des Wörtchens „Hof“ willen, das für sie Qualität und Ehre bedeutete, diesen Apoldaer Gießer“.[7]

 

alt1894 konnte Franz Schilling wegen dieser steigenden Nachfrage in der Auenstraße in Apolda eine neue Glockengießerei errichten, in der dann auch die Glocken für die St. Johanniskirche in Karlstadt entstanden sind. Von 1877 bis 1910 hat Franz Schilling insgesamt 5460 Glocken gegossen, von denen jede einzelne mit ihrem Klang ein Zeugnis für seine herausragenden Fähigkeiten darstellt.

 

Seine Söhne führten ab 1911 die Glockengießerei fort. Schilling-Glocken aus Apolda wurden zu einem Markenzeichen für Klang und Qualität. Und es war dann Friedrich Wilhelm Schilling, der Urenkel Franz Schillings, der in Heidelberg nach dem 2. Weltkrieg die 23 Glocken für den Würzburger Dom gegossen hat. Von Friedrich Wilhelm Schilling stammt übrigens folgendes Zitat über den Glockenguss:[8]

 

„Die Glocke nimmt unter den Musikinstrumenten eine einmalige Stellung ein. In ihrer ganzen, zweitausend Jahre alten Geschichte war sie von Anfang an bis Heute ausschließlich dem Dienst am Heiligen vorbehalten.

Dieser hohen Aufgabe kann nur hohe Kunst gerecht werden. Was jahrhundertelange Bemühungen der Glockengießer aus dem edlen Metall herausgeholt haben, gilt es in guter Tradition auszubauen, zu erweitern und zu pflegen.

Unsere ungeteilte Liebe und Mühe soll der Arbeit an der Kirchenglocke gelten.“

 

Doch zurück zu den Glocken in St. Johannis, denen nur eine kurze Lebensdauer geschenkt wurde. Im Juni 1917 musste die Evangelische Kirchengemeinde Karlstadt die beiden großen Glocken abliefern, die dann für Rüstungszwecke eingeschmolzen und damit zerstört wurden.

 

Werner Zapotetzky schreibt in seiner Festschrift zum 75-jährigen Bestehen unserer Kirche im Jahr 1979:

„So beschreibt Bails Nachfolger, Vikar Pültz, mit bewegenden Worten den Ausbruch des 1. Weltkrieges, der bald schon unter den Protestanten Karlstadts zahlreiche Gefallene forderte und die anfängliche Kriegsbegeisterung in tiefes persönliches Leid umschlagen ließ. Mitten in dieser schweren Zeit beging man 1917 unter Vikar Scheuerpflug das 400. Reformationsjubiläum. Das Festgeläut freilich mag dünn gewesen sein, denn schon im Juli 1917 waren die beiden großen Glocken vom Turm geholt worden, um eingeschmolzen zu werden ...“.[9]

 

Am 26. April 1917 wurden alle Pfarrämter in einer vertraulichen Mitteilung des Königlich Protestantischen Konsistoriums Bayreuth aufgefordert bei dem Königlich Protestantischen Oberkonsistorium eine Befreiung von der Ablieferungspflicht ihrer Bronzeglocken zu beantragen. Aufgrund dieses Antrages hat das Königlich Bayerische Bezirksamt Karlstadt am 03. Juli 1917 eine Bescheinigung mit folgendem Wortlaut erstellt:

 

„Es wird hiermit bescheinigt, daß die der protest. Kirchenverwaltung Hier gehörende, in nachstehender Zusammenstellung eingetragene Glocke gemäß § 9 der Bekanntmachung M. 1./1. 17 K.R. A vom 1.März von der Enteignung und Ablieferung vorläufig auf jederzeitigen Widerruf zurückgestellt, bzw. von der Beschlagnahme, Enteignung und Ablieferung befreit worden ist. Bronzeglocke – 150 kg“.[10]

 

Als Begründung für diese vorläufige Befreiung diente die gottesdienstliche Funktion der Glocke. Wie viele andere Kirchengemeinden durfte St. Johannis wenigstens die kleinste Glocke für „gottesdienstliche Zwecke“ zumindest auf Abruf behalten. Am gleichen Tag wurde die Kirchengemeinde dann aufgefordert die beiden übrigen Glocken bis zum 31. Juli 1917 an den Militärfiskus abzugeben, der mit der Ausstellung dieses Schreibens neuer Besitzer der beiden Glocken war.

 

Fast sieben Jahre später, am 25. Januar 1924, erhielt die Evangelische Kirchenverwaltung eine Anfrage der Hofglockengießerei Franz Schilling Söhne, ob sie an einer Ersetzung bzw. Ergänzung der 1917 abgelieferten Glocken interessiert sei. Nun begann innerhalb der Kirchengemeinde Karlstadt eine längere Diskussion bezüglich dieser Anfrage. Kurz nach der Inflation fehlten der Kirchengemeinde zunächst die nötigen Finanzmittel zum Kauf neuer Bronzeglocken. So wollte man wenigstens 2 Stahlglocken, die im Preis erheblich günstiger als Bronzeglocken waren, anschaffen. Die Anfrage des „Vorstandes der evang. luth. Filialgemeinde an den evang. luth. Landeskirchenrat in München“[11] vom April 1925 gibt uns heute einen guten Einblick in die damalige Situation:

 

„Auch die hiesige Filialgemeinde mußte von ihren drei Kirchenglocken ... die beiden größten für den Weltkrieg opfern. Schon längst war es der Wunsch der Gemeinde diese Lücke wieder auszufüllen und in den Besitz eines vollen Geläutes zu kommen. Bisher war es ihr jedoch unmöglich die Mittel hiefür aufzubringen oder auch nur einen Fond hiezu zu gründen, da die kleine ca. 270 Seelen zählende Gemeinde, die weder Vermögen besitzt noch eine Einnahmequelle hat, nicht nur für ihre kirchlichen Bedürfnisse aufkommen muß, sondern auch noch den Aufwand für die bestehende evang. Privatschule zu bestreiten hat. ...

Um nun den längst gehegten Wunsch endlich verwirklicht zu sehen, will es der Kirchenvorstand wagen, die Opferwilligkeit der Gemeinde und sonstigen Gönner neuerdings in Anspruch zu nehmen und an die baldige Beschaffung der zwei fehlenden Glocken ... heranzugehen. Der Kirchenvorstand gibt sich aber auch der Hoffnung hin, daß sein Vorhaben seitens der Landeskirche unterstützt wird. Er erlaubt sich daher dem Landeskirchenrat die ergebenste Bitte um einen Zuschuß zu unterbreiten ...“[12]

 

Am 7. Mai 1925 erreichte Karlstadt ein Schreiben des Landeskirchenamtes, in dem dieser Zuschussantrag abgelehnt wurde. Dennoch gaben die Evangelischen Christen in Karlstadt ihre Pläne nicht auf. Schon am 13. Juli 1925 wurde dann ein Antrag an die Landessynode formuliert, in dem erneut die Bitte um einen Zuschuss ausgesprochen wurde. Das Dekanat Würzburg hat diesen Antrag am 14. Juli 1925 befürwortend weitergeleitet. Aber auch diese Hoffnungen haben sich sehr bald zerschlagen. Der Zuschuss wurde seitens der Synode abgelehnt und der Gemeinde wurde empfohlen, 1927 erneut einen Zuschussantrag an die Synode zu stellen.

 

Somit blieb der Gemeinde nichts anderes übrig, als innerhalb der Gemeinde für die Beschaffung neuer Glocken zu sammeln. Bereits im April hatte man verschiedene Firmen und Privatpersonen mit der Bitte um eine Spende angeschrieben. [13]  Diese Sammelaktion war anscheinend sehr erfolgreich, denn noch 1925 wurden bei der Firma Hofglockengießerei Franz Schilling Söhne zwei neue Bronzeglocken bestellt.

 

Unter den großzügigen Spendern befanden sich u.a. Alexander u. Clemens Müllerklein [14], Emil Haas, die Portland-Cement-Fabrik Karlstadt, das Bankhaus Meyer, Baron von Thüngen, das Eisenwerk, Geheimrat Dr. Kahle, u.a. Binnen weniger Monate konnten über 200 R.M. für diesen Zweck eingenommen werden. Der Kauf der neuen Glocken war nun endgültig auch finanziell abgesichert. Am 30. November 1925 erhielt das Evangelische Pfarramt ein Telegramm mit folgendem Wortlaut:

 

„Apolda, den 30/11 um 5 Uhr 40 M.

Glockenguß am

zehnten Dezember.

                                   Schilling“[15]

 

 

altWenige Tage nach Weihnachten 1925 erschien schließlich in Karlstadt eine Bekanntmachung, dass am Dienstag, den 29. Dezember 1925, die neuen Glocken nachmittags um 3 Uhr in einem feierlichen Festzug von der Güterhalle des Bahnhofs zur St. Johanniskirche geleitet werden sollen.

 

Auch die Zeitung berichtete am 30. Dezember von diesem Ereignis:

„Ein Freudentag für die evangelische Kirchengemeinde war der gestrige Dienstag. Vor 8 ½ Jahren mußte dieselbe zwei ihrer Kirchenglocken dem Vaterlande opfern und gestern war ihr das Glück beschieden, zwei neue Glocken in Empfang nehmen zu dürfen. In feierlichem Zuge, an dem die Schuljugend mit wehenden Fähnlein, der Geistliche mit dem Kirchenvorstand und fast die ganze evangel. Kirchengemeinde teilnahm, wurden die auf geschmücktem Wagen sich befindlichen Glocken vom Bahnhofe aus eingeholt und nach der Kirche verbracht.

 

Hier fand nun noch eine kleine eindrucksvolle Feier statt. Nach dem von der Huthschen Musikkapelle intonierten und von der Gemeinde gesungenen Choral: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ hielt Herr Pfarrer Eißner eine kurze Ansprache, in der er die Gemeinde zu den beiden neuen Glocken beglückwünschte, dem höchsten Herrn und Gott Dank sagte und der Hoffnung Ausdruck gab, daß der Glocken eherner Mund nur Glück und Segen dem Vaterlande und seiner Pfarrgemeinde verkünden möchte.

 

Herr Kassier Herrlein gab sodann einen kleinen Rechenschaftsbericht über den Glockenfond. Ueber die Hälfte des Kaufpreises der Glocken sei durch freiwillige Spenden bereits gedeckt. Er appelierte an die Mildtätigkeit seiner Glaubensgenossen, damit auch der restliche Teil der Glockenschuld bald abgetragen werden könne.

 

Mit einem Dankgebet an den allmächtigen Schöpfer schloß die Feier. Die Glocken erhalten nun am Neujahrstage die kirchliche Weihe.“[16]

 

Und am 2. Januar stand folgender Bericht in der Karlstadter Zeitung:

 

„Ein hellklingender Freudentag war die Weihe der neuen Glocken in der evang. Kirche am gestrigen Neujahrstage. Zu dieser Feier war die gesamte Gemeinde erschienen; zahlreiche war auch der Stadtrat unter der Führung des 1. Bürgermeisters vertreten.

 

Die eindrucksvolle, fein gezeichnete und tief zu Herzen gehende Predigt des Herrn Pfarrers Eißner brachte den Glockendreiklang zum Klingen: durchdenke und prüfe die Vergangenheit – schaffe Klarheit in der Gegenwart – schreite mit Gott in die Zukunft!

 

Nach dem ungemein stimmungsvollen Bläserchor (Gebr. Huth, Reichentrogg u. Ludwig), der sein bestes Können zeigte, ergriff das Oberhaupt der ev. Kirche von Unterfranken Herr Dekan Linder=Würzburg, das Wort. Die seltene, glänzende Rednergabe dieses Gottesmannes packte jedes hörende Herz u. mit wuchtigen Hammerschlägen klangen die Glocken: sei wach! – stehe fest im Glauben! – sei männlich! – sei stark! – Es war ein wundersamer, herzerhebender Gesang des Glaubens zur Ehre Gottes!

 

Sehr stimmungsvoll war der Vortrag der drei Knaben u. der sieben weißgekleideten Mädchen, die unter Geläute Weihegedichte sprachen! Und als dann mit Macht die Kirchenorgel, unterstützt vom Bläserchor, dem Gesang der Gemeinde und dem Geläute aller Glocken das schöne Glaubensstarke Lied sang: „Nun danket alle Gott“ und „Jehova“, da war ein Jubel und ein Freuen in dem kleinen Gotteskirchlein.

 

Allen, die der eindrucksvollen Feier beiwohnen konnten, wird es ein bleibendes Erlebnis sein. ....

 

Nun mögen sie klingen – die Glocken – im neuen Jahr und den Menschen verkünden Gotteswort und Gottesfrieden!“[17]

 

Der so sehr herbeigesehnte Gottesfriede währte nicht lange. Nicht einmal zwei Jahrzehnte erklangen diese neuen Glocken in der St. Johanniskirche, denn im 2.Weltkrieg ereilte den neuen Glocken das Schicksal ihrer Vorgänger.

 

altAm 2. April 1940 musste das damalige Evang.-Luth. Exponierte Vikariat in Karlstadt eine Aufstellung über die Glocken der St. Johanniskirche anfertigen und an das Landeskirchenamt übersenden. Am 10. Mai 1940 wurde dann im Landeskirchenamt eine Anordnung über die Abhaltung und Ausgestaltung von „Glockenabschiedsfeiern“ in den Gemeinden verfasst. Darin wird den Kirchengemeinden empfohlen, am letzten Sonntag vor der Glockenabnahme eine „Glockenabschiedsfeier“ zu halten.

 

„Die Ansprache mag sich in folgenden Gedanken bewegen: Die Not des Vaterlandes verlangt von uns das Opfer unserer Glocken. Der Beauftragte für die Reichsverteidigung, Generalfeldmarschall Göring, hat die Beschlagnahme und Ablieferung sämtlicher Bronzeglocken angeordnet, damit unser Volk durch einen genügend großen Metallvorrat für alle Möglichkeiten der weiteren Kriegsentwicklung gerüstet ist. ...

 

Wir wissen, daß unsere Gemeinden das Opfer, das damit von ihnen gefordert wird und das der Erhaltung unseres Volkes dienen soll, bringen werden. Niemand kann dieses Opfer gering einschätzen. Denn die Stimme der Glocken hat seit Menschengedenken unser ganzes kirchliches und völkisches Leben begleitet. ...

 

Aber der wahre Wert des Opfers besteht darin, daß es willig gebracht wird, auch wenn es noch so schwer ist und darin werden unsre Gemeinden, die christliche Gemeinden sind, sich von niemand übertreffen lassen. Die Glocken haben schon in manchem Krieg ihr Leben dahingeben müssen, um nach dem Kampf wieder zum Leben zu erstehen. Darin zeigt sich uns ein Gesetz, das wir vom Wort Gottes her in seiner ganzen Tiefe verstehen lernen. Nur, wer bereit ist, sein Leben einzusetzen, vermag in Wahrheit das Leben zu gewinnen. Daran wollen wir uns durch die Glocken, die wir hergeben müssen, erinnern lassen. In diesem Geist wollen wir sie dahingeben und ihren Gang mit heißen Gebeten für Führer und Volk begleiten.“[18]

 

Das in o.g. Schreiben vorgeschlagene Fürbittengebet ist ebenfalls ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, da es einen guten Einblick in die Kriegsbegeisterung jener Tage gibt, die auch seitens der Landeskirche zumindest nicht hinterfragt wurde. Dort werden den Gemeinden folgende Sätze als Gebetstext empfohlen:

„Laß das Opfer der Glocken, das wir bringen, unserem Volk zum Besten dienen. Beschirm unser deutsches Vaterland. Gib deinen Segen dem Führer unseres Volkes. Stehe mit deiner allmächtigen Kraft unserer Kriegsmacht bei. ...

Laß diese Heimsuchung unserem Volk, unserer Gemeinde und uns allen zum Besten dienen.“[19]

 

Dennoch ist auch dieser Text ein Zeugnis für eine feine, zwischen den einzelnen Formulierungen versteckte Kritik. Es wird zunächst für den „Führer“ gebetet und dann von einer „Heimsuchung“ gesprochen. Worauf sich das Wort Heimsuchung nun bezieht, bleibt bewusst im Bereich der Zweideutigkeit.

 

Viele Kirchengemeinden scheinen jedoch in der folgenden Zeit von einer Kriegsbegeisterung erfüllt gewesen zu sein, so dass das Landeskirchenamt bereits im Juni in einem internen Schreiben anordnet, keine Glockenabschiedsfeiern abzuhalten, da mit der Abnahme der Glocken wohl im Jahr 1940 nicht mehr zu rechnen sei.[20]

 

Interessant ist auch, dass durch diese Abnahme der Glocken plötzlich ein neuer Markt entstand, der sofort von geschäftstüchtigen Unternehmen erkannt worden war. Denn o.g. Schreiben rät den Kirchengemeinden die Aufnahme „eines Geläutes auf Schallplatte“ nicht an ortsansässige Firmen zu vergeben, sondern einem Sammelvertrag beizutreten, den die Landeskirche mit der Firma Telefunken bereits ausgehandelt hatte.[21] Leider lässt sich aus dem Archiv der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Karlstadt nicht entnehmen, ob auch das Geläute der St. Johanniskirche auf Schallplatte aufgenommen wurde.

 

Am 14. Juni 1940 erinnert Dekan Lindner die Kirchengemeinden und sämtliche Pfarrämter sehr eindringlich daran, dass diese Schreiben und die Informationen seitens des Landeskirchenamtes streng vertraulich zu behandeln sind.

 

In einer weiteren vertraulichen Mitteilung wurden die Kirchengemeinden darüber informiert, dass aufgrund eines Runderlasses des Reichsministers des Inneren vom 20. September 1940 die Abnahme der Glocken bis auf weiteres zurückgestellt wurde. Die Meldepflicht und die systematische Erfassung aller Bronze- und Eisenglocken wurden jedoch fortgeführt.[22] Über ein Jahr herrschte nun Ruhe. Erst im Dezember 1941 ging ein weiteres Schreiben in Sachen Glockenabnahme an die Kirchengemeinden. Nun sollte geklärt werden, welche Glocke im Falle einer Abnahme der Glocken in der Gemeinde verbleiben könnte. Die Gemeinden wurden ferner aufgefordert vor der Glockenabnahme eine Abformung vom „figürlichem und schriftl. Schmuck d. alten Glocken“ anzufertigen. Das Zerschlagen der Glocken zur leichteren Abnahme bzw. zum schnelleren Abtransport wurde den Kirchengemeinden strikt untersagt.[23]

 

Im April 1942 wurden schließlich die zwei größeren Glocken der St. Johanniskirche abgenommen und zunächst nach Marktheidenfeld transportiert.

 

Auch 1942 durfte die Kirchengemeinde die kleinste Glocke, die 1903 in Apolda gegossen worden war, für gottesdienstliche Zwecke behalten, so dass wenigstens dieses kleine Schmuckstück die Wirren des 2. Weltkriegs überdauern konnte. Über den Verbleib der abgelieferten Glocken finden sich im Pfarrarchiv keine weiteren Aufzeichnungen.

 

Bereits kurz nach Kriegsende gab es wohl in der Gemeinde erste Bestrebungen, das Geläute der St. Johanniskirche wieder zu vervollständigen. Schon am 4. Juni 1946 richtete die Gemeinde Karlstadt eine Anfrage an die Glockengießerei Franz Schilling Söhne betreffs des Gusses neuer Glocken für die St. Johanniskirche in Karlstadt. Leider konnte Franz Schilling der Gemeinde nur folgende Absage erteilen.

 

„Mit bestem Dank bestätigen wir den Empfang der Zuschrift vom 4.ds.Mts. und teilen ergebenst mit, daß wir zur Zeit nur für die Gemeinden arbeiten können, die uns das Metall zum Giessen anliefern können. ... Unsere Bemühungen, Metall von den Hüttenwerken zu bekommen sind leider noch nicht zum Abschluß gekommen, da Metalle beschlagnahmt sind. Es sind aber Bestrebungen im Gange für den Glockenguß Metalle freizugeben. Wenn es erst soweit ist, werden wir Ihnen sofort schreiben. Wir haben Sie mit vorgemerkt, ...“[24]

 

Nun vergingen einige Jahre, in denen andere Sorgen und Fragen das Gemeindeleben beschäftigten. Erst 1953 sollten diese Pläne zur Beschaffung von zwei neuen Glocken wieder aufgegriffen und konsequent weiterverfolgt werden. Im September wurde der Glockensachverständige KMD Otto Meyer aus Ansbach um ein entsprechendes Gutachten gebeten. Am 9. Oktober hat er dann die erhalten gebliebene Bronzeglocke in der St. Johanniskirche geprüft und kam zu folgendem Ergebnis:

 

„Die Prüfung mit geeichten Präzisionsstimmgabeln der Firma Barthelmes ergab folgende Klanganalyse:

 

Schlagton:        es’’ + 6

Prime:              es’’ + 4

Terz:                ges’’ + 6

Quinte:            a’’ – 2

Oberoktave:    es’’’ + 6

Unterton:         d’

 

Nachhalldauer:  20 – 15 – 60 Sekunden.

 

Die Innenharmonie ist verhältnismäßig rein, wenn auch Unterton und Quinte etwas tief geraten sind. Die Glocke entbehrt nicht einer gewissen Qualität und verdient darum durchaus, durch Glocken aus Bronce ergänzt zu werden ...

 

Als schönstes in Frage kommendes Glockenmotiv empfehle ich der Gemeinde das Tedeum mit der Tonfolge

 

b’ – des’’ – es’’.

Empfehlenswerte Broncegießereien sind u.a.:

 

Schilling, Heidelberg ...

Bachert, Karlsruhe;

Rinker, Sinn/Dillkreis;

Czudnochowsky, Erding bei München.“[25]

 

Vor allem diesem Gutachten ist es wohl zu verdanken, dass die Kirchenverwaltung und der Kirchenvorstand sehr schnell den Guss von Bronzeglocken beschlossen haben. Ursprünglich war auch über die Anschaffung von zwei Eisenglocken diskutiert worden. Schließlich wurden die o.g. Firmen mit der Bitte um Erstellung eines Angebots über den Guß von zwei Bronzeglocken angeschrieben. Damit war jedoch auch die Firma Franz Schilling bzw. deren Rechtsnachfolger in Apolda aus dem Spiel.

 

Nach Prüfung der Angebote und nach Beratung durch den Glockensachverständigen wurde der Auftrag an die Firma Czudnochowsky vergeben, deren Kostenvoranschlag die damals stolze Summe von 3.320,00 DM betrug.

 

Schon am 14.12.1953 wurden die „Anschaffung von zwei Bronzeglocken b’ und des’’ für die Kirche in Karlstadt nach dem Angebot der Glockengießerei Czudnochowsky in Erding zum Preis von 3320.- DM kirchenaufsichtlich genehmigt“.[26]

 

Am 20. Januar 1954 hat sich die Kirchengemeinde Karlstadt an den Stadtrat der Stadt Karlstadt/Main mit der Bitte um Gewährung eines Zuschusses gewendet. Aus diesem Schreiben erfahren wir heute auch die Gründe für die zunächst notwendig gewordene Verschiebung dieser Anschaffung.

 

„An den

Stadtrat

Karlstadt/Main

 

Es sind jetzt genau 12 Jahre, daß die evang. Kirchengemeinde um den durch den Krieg bedingten Verlust ihrer Glocken trauern muß. Finanzielles Unvermögen und Verantwortungsbewußtsein für die caritativen Nöte der unmittelbaren Nachkriegszeit ließen bisher den Wunsch nach Wiederbeschaffung eines vollen Geläutes zurücktreten. Nachdem es aber schon lange vorher fast alle betroffenen Gemeinden des Landkreises gewagt hatten, auch die Kriegsfolgen dieser Art wieder auszugleichen und neben großen eigenen Opfern sich auch öffentlicher Gelder versichern durften, fassen wir den Mut zur gleichen Tat.

 

Die Kosten der Glockenbeschaffung einschl. elektr. Läutwerk belaufen sich auf ca DM 7.000,-. Aus eigenen Mitteln wurden bisher ca DM 1.500,- aufgebracht. Diese Summe, die wohl kaum wesentlich wird erhöht werden können, beweist für die zum größeren Teil aus Heimatvertriebenen bestehende Gemeinde das ernste Bemühen, den guten Ruf der Stadt im Bezug auf Beseitigung von Kriegsfolgen tatkräftig zu unterstützen. Vor allem bitten wir es unseren Heimatvertriebenen dahin auslegen zu dürfen, daß sie besten Willens sind Karlstadt als ihre zweite Heimat zu betrachten und dies nicht nur mit Worten, sondern auch mit finanziellen Opfern zu bekräftigen.

 

Unsere Bitte geht nun dahin, die Herren Stadtväter möchten beschließen, daß die Stadt sich mit der Übernahme der halben Kosten am Vorhaben der evang. Gemeinde beteilige. Als Begründung bitten wir folgendes anführen zu dürfen:

 

  1. Die evang. Gemeinde sieht sich im Verlauf von knapp zwei Generationen zum 3. Mal veranlaßt Glocken beschaffen zu müssen.
  2. Die Stadt Karlstadt wurde durch glückhafte Begebenheiten trotz starker Bedrohung von wesentlichen kriegerischen Zerstörungen bewahrt.
  3. Die Stadt Karlstadt konnte sich auf Grund baulicher Umstände ihr historisches Geläut erhalten.
  4. Vorstehende Tatsache lenkte den Eifer der „Glockendiebe“ in besonderem Maße auf das Metallgut der evang. Gemeinde.
  5. Mit der Ablieferung ihrer Glocken wurde die evang. Gemeinde zum Kompensator von damaligen Auflagen, die der ganzen Stadt galten.
  6. Wir möchten von da her zwar keine moralischen Verpflichtungen konstruieren, wohl aber an das gerechte Empfinden appellieren.
  7. Nicht zuletzt wäre die Mithilfe der Stadt bei der Wiederbeschaffung unserer Glocken der sichtbare Dank dafür, daß Gott die Kirchen der Stadt verschont und die Stadt auch sonst vor namhaften Schaden behütet hat.

 

Wenn sich nun der verehrl. Stadtrat zur finanziellen Beisteuer entschließen könnte, möchten wir folgendes vorschlagen:

Von dem zu beschaffenden würde die große Glocke als die Vaterunserglocke den Namen „Karlstadt“ tragen, auf die eine Seite das Stadtwappen, auf die andere ein Kruzifix bekommen, als Kopfschrift das Bibelwort aus Jeremia 29 erhalten: „Suchet der Stadt Bestes“, die untere Umrandung durch das Psalmwort abschließen: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen".

 

 

 Diesen Argumenten konnte sich der Stadtrat nicht verschließen und beschloss in seiner Sitzung am 21. Januar 1954 einstimmig einen Zuschussbetrag von 3.500.- DM für die evangelische Kirchengemeinde Karlstadt.[28]

 

Damit übernahm die Stadt jeweils die Hälfte der Kosten für die neuen Glocken und die elektrischen Läutemaschinen, die von der Firma Hörz/Ulm geliefert wurden. Noch heute trägt die Vaterunser-Glocke das Wappen der Stadt Karlstadt und die Aufschrift aus Jeremia 29: „Suchet der Stadt Bestes“ und erinnert an diese großzügige Unterstützung seitens des Stadtrates, ohne die es keine neuen Bronzeglocken für die St. Johanniskirche gegeben hätte.

 

Vielleicht wäre dann doch die Anschaffung deutlich günstigerer Eisenglocken erwogen worden.

 

Ein zweiter Gönner schloss sich dem noblen Beispiel der Stadt Karlstadt an. „In seiner Sitzung vom 16.02.1954 beschloß der Vorstand der Eisenwerke Fried. Wilh. Düker, Aktiengesellschaft, der Evang. Kirchengemeinde in Karlstadt/M für die Beschaffung eines Glockengeläutes für die Evangelische Kirche den Betrag von DM 1 000.-(i.W. Deutsche Mark eintausend) zur Verfügung zu stellen.“[29]

 

Schließlich übergab dann auch noch Herr Direktor Link vom Zementwerk in Karlstadt der Kirchengemeinde eine Spende in gleicher Höhe. Damit war nun die Finanzierung der neuen Glocken und der Läuteanlage gesichert.

 

Am 14. April wurden die neuen Glocken von Prof. Friedrich Högner, Landeskirchenmusikdirektor und staatl. Glockensachverständiger, nach deren Guss in Erding geprüft. Er kommt zu folgendem Ergebnis:

 

„Die entscheidenden Teiltöne sind sehr gut getroffen und stehen bezügl. ihrer resonatorischen Kraft und ihrer spezifischen Farbtönung in bestem Verhältnis zueinander. Man darf diesen Glocken mit Recht nachsagen, daß sie hell und freudig klingen. Bei aller Intensität und Leuchtkraft ist trotzdem jede Schärfe vermieden, das Geläute wird man als ein ausgesprochen liebliches Geläute bezeichnen dürfen. ...

 

Die gebrachten Opfer sind an eine schöne und edle Sache gewendet worden, der Tag der Glockenweihe wird ein Freudentag für die Gemeinde werden.“[30]

 

Mehrfach betont der Sachverständige in seinem Gutachten die wohlgelungene Harmonie dieser Glocken.

 

Die größte Glocke trägt bis heute unter der Haube die Inschrift: „Karlstadt: Suchet der Stadt Bestes. Geg. v. K. Czudnochowsky, Erding 1954“. An ihrer Flanke ist das Stadtwappen von Karlstadt aufgegossen. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein Cruzifixus. Über dem Wulst der Glocke kann man die Inschrift: „Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen“ lesen.

 

Die zweite Glocke hat als Inschrift unter der Haube die Worte: „Eisleben: Gott sei mir Sünder gnädig“. An der Flanke findet sich die Lutherrose, während auf der gegenüberliegenden Seite die Inschrift „Gegossen von Karl Czudnochowsky, Erding 1954“ zu sehen ist. Über dem Wulst ist wiederum eine Inschrift zu lesen, die folgenden Wortlaut hat: „Christe Du bist der helle Tag, vor Dir die Nacht nicht bleiben mag“.

 

Für den 16. Mai 1954 wurde dann die festliche Glockenweihe geplant. Vorher beschloss der Kirchenvorstand folgende Läut-Ordnung, die zum 01.06.1954 in Kraft treten sollte:

 

„1. Die vorhandenen Glocken haben folgende Bedeutung:

  •  die es-Glocke (alt) – Tauf= oder Morgenglocke
  •  die b-Glocke (groß) - Vaterunser= oder Mittagsglocke
  • die des-Glocke (klein) –

    Sterbe= oder Feierabendglocke

 

2. Die Verwendung der Glocken

 

a) Tägl. Gebrauch:

morgens um 7.00 Uhr: es-Glocke – 3’[31]

mittags um 12.00 Uhr: b-Glocke – 5’

abends um 7.00 Uhr: des-Glocke – 3’

 

Die Abendglocke richtet sich nach der Jahreszeit.

 

b) An Sonn= und Feiertagen:

1. Läuten der Tageszeiten wie unter a

2. Vor Beginn eines jeden Haupt= oder

    Nebengottesdienstes

            ½ vor Beginn es-Glocke 3’

            ¼ vor Beginn es+des Glocke 3’

            zum Beginn volles Geläut 5’

3. im Gottesdienst während des Vater-

    unsers oder sonst nach Bedarf

 

c) Vor Sonn= oder Feiertagen um 14.00

    Uhr 3’ volles Geläut.“[32]

 

Pfarrer Amend erzählt in seiner Pfarrbeschreibung von den Ereignissen anlässlich der Glockenweihe in St. Johannis.

 

„Der 10. Mai 1954 war für d. Kirchengemeinde ein geradezu aufregender Tag, da hierfür d. Ankunft der 2 neuen Glocken angekündigt war. Schon während d. ganzen Vormittags hielten sich die Schulkinder an d. Zufahrtsstraße auf u. jeder wollte als Erster d. ankommenden Transportwagen melden, obwohl d. Eintreffen erst für 16 Uhr angekündigt war. Im Hof des Güterbahnhofs schmückten dann die Konfirmanden den Glockenwagen u. um 16 Uhr konnte sich tatsächlich unter Vorantritt der Stadtkapelle, der Festzug zur Glockeneinholung formieren.“[33]

 

In seinem Grußwort gab Bürgermeister Biener seiner Freude Ausdruck, dass nun auch die evangelische Kirchengemeinde wieder über ein volles Geläute verfügt und beglückwünschte sie zu diesem Tag. Auch hob er nochmals hervor, dass nun die große Glocke das Wappen der Stadt Karlstadt trage und nun jeden Tag zur Mittagsstunde um Frieden bittet. „Sein innigster Wunsch ist es, daß Gott der Herr den Frieden erhalte und das neue Geläute stets Frieden künden möge.“[34] Gesänge der Kirchengemeinde und der Schuljugend, sowie ein Willkommensgruß des Kindergartens folgten der Ansprache des Bürgermeisters. Nach einem Gedichtvortrag lud Pfarrer Amend die Anwesenden zur feierlichen Glockenweihe für den Sonntag Kantate, den 16. Mai 1954, herzlich ein und dankte anschließend allen, die durch großzügige Spenden dieses Projekt erst ermöglicht hätten. „Zur bleibenden Erinnerung an dieses erhebende Ereignis hatte es sich „Foto-Meder“ nicht nehmen lassen, einen kleinen Farbfilm zu drehen. Am Tag darauf wurden die Glocken auf den Turm gebracht.“[35]

 

Der Posaunenchor der evang. Jugend Thüngen eröffnete den Festgottesdienst am 16.05.54 in St. Johannis. Zahlreiche Ehrengäste hatten sich in der Kirche eingefunden. Pfarrer Amend konnte u.a. Landrat Amman, Regierungsrat Gold, Bürgermeister Biener, die Räte der Stadt, sowie die Vertreter der heimischen Industrie zur Glockenweihe begrüßen. Nun wurden die Glocken feierlich geweiht. Die große Glocke erhielt den Namen „Karlstadt“, die zweite Glocke den Namen „Eisleben“ und die kleine Glocke den Namen „Wittenberg“. Die Festpredigt hielt Herr Dekan Lic. Schwinn aus Würzburg. Er dankte den Stiftern und Spendern und predigte schließlich über die Tageslosung aus Jes. 41,10: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“

 

Um 11.30 Uhr traf man sich anschließend zu einem gemeinsamen Mittagsessen. In seiner Tischrede hob Herr Dekan Lic. Schwinn noch einmal „den guten Geist zwischen Stadt und evangelischer Gemeinde“[36] hervor. Direktor Albert Düker und Dr. Moser, der die persönlichen Grüße von Dr. Carl Schwenk überbrachte, sprachen weiter Grußworte. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete eine Rathausbesichtigung, bei der Herr Dekan Lic. Schwinn gebeten wurde, sich in das „Goldene Buch“ der Stadt einzutragen.



[1] Der Originalvertrag ist noch im Archiv Pfarramtes erhalten, Az. 61/31.

[2] Vgl. Az. 61/31, Archiv des Pfarramtes Karlstadt, St. Johannis.

[3] Vgl. dazu das Protokoll-Buch der prot. Kirchengemeinde Karlstadt, Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes Karstadt, Nr. P3.

[4] A.a.O., Protokoll der Sitzung vom Juni 1903.

[5] A.a.O., Protokoll der Sitzung vom 7. August 1903.

[6] Kurt Hübner, Der Glockenguß in Apolda, Weimar 2. Aufl. 1983, S. 25.

[7] M. Schilling, Kunst - Erz und Klang, Berlin 1992, S. 49.

[8] Zitiert nach Dieter Schmidt, Friedrich Wilhelm Schilling, Leben und Werk, Nürnberg 1992, S. 1.

[9] Werner Zapotetzky, 75 Jahre St. Johanniskirche 1904-1979, Karlstadt 1974, S. 5.

[10] Archiv des Pfarramtes, Az. 61/31

[11] A.a.O.

[12] A.a.O.

[13] In einem der Antwortschreiben heißt es: „Ich bin in Besitz Ihrer Zuschrift vom 30. April 25 und lege eine Spende Mark 60.- bei für die Erstehung neuer Glocken für die evangelische Kirche in Karlstadt und wünsche zu Ihrem Vorhaben, daß die in Vaterländischer Not dahingegebenen Glocken bald neu wieder in ihrem früheren Klang ihre Stimme über die Gemarkung trägt.“, a.a.O.

[14] Damals königlich bayr. und großh. hess. Hoflieferanten.

[15] Archiv des Pfarramtes, Az. 61/31.

[16] A.a.O.

[17] A.a.O.

[18] Schreiben des Landeskirchenrates vom 10. Mai 1940, Nr. 4570.

[19] A.a.O.

[20] Schreiben des Landeskirchenamtes vom 12. Juni 1940, Nr. 5799.

[21] A.a.O.

[22] Schreiben des Landeskirchenamtes vom 29. Oktober 1940, Nr. 11131.

[23] Schreiben des Landeskirchenrates vom 18. Dezember 1941, Nr. 12300.

[24] Schreiben im Archiv des Pfarramtes, Az. 61/31.

[25] Vgl. Glockengutachten im Pfarrarchiv Az. 61/31.

[26] Schreiben der Landeskirchenstelle Ansbach vom 14.12.1953, Nr. 16321, Pfarrarchiv Az. 61/31.

[27] Schreiben der Kirchengemeinde vom 20. Januar 1954, Nr. 013, Pfarrarchiv Az. 61/31.

[28] Der Auszug aus dem Sitzungsprotokoll des Stadtrates Karlstadt in beglaubigter Form im Pfarrarchiv Az. 61/31.

[29]Vgl. Pfarrarchiv a.a.O.

[30] Glockengutachten vom 15.04.54 im Pfarrarchiv Az. 61/31.

[31] 3’ = 3 Minuten.

[32] Pfarrarchiv Az. 61/31

[33] Pfarrbeschreibung Karlstadt am Main, im Pfarrarchiv der Kirchengemeinde.

[34] A.a.O.

[35] A.a.O.; leider ist dieser Film im Pfarrarchiv nicht erhalten geblieben.

[36] A.a.O.