„Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen.

 

Heute, Ostermontag den 13. April im Jahre unsers Heils 1903 vormittags 11 Uhr wird dahier im Beisein der Vertreter der hiesigen kgl. Behörden und der Stadt Karlstadt, der prot. Kirchenverwaltung und vieler Glieder der evangelischen Gemeinde zu dem Betsaal und Schulhausbau der Grundstein gelegt.“[1]

 

Mit diesen Worten begannen am Ostermontag des Jahres 1903 bei einem Aprilsturm und bei Schneegestöber die Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung anlässlich des Neubaues eines „Betsaal- und Schulhauses“ für die evangelischen Christen der Stadt Karlstadt, sowie der Orte Eußenheim, Gambach, Laudenbach, Mühlbach und Retzbach.

 

Zunächst hatte man sich im Saal der Brauwirtschaft Hock zum Ostergottesdienst getroffen. Seit einigen Jahren feierte die Gemeinde dort im großen Tanzsaal ihre Gottesdienste. Von dort zog der Festzug dann zum Bauplatz, um die feierliche Grundsteinlegung zu vollziehen.

Dort konnte Pfarrer Hahn aus Thüngen viele Gemeindeglieder, sowie Bürgerinnen und Bürger der Stadt Karlstadt begrüßen.

 

altBereits am 6. Januar 1901 hatte das Staatsministerium des Inneren für Kirchen- und Schulangelegenheiten den evangelischen Christen die Bildung einer Filialkirchengemeinde in Karlstadt genehmigt. Die Entschließung des Ministeriums trägt folgenden Wortlaut:

 

„Seine Königliche Hoheit Prinz Luitpold, des Königreichs Bayern Verweser, haben sich allergnädigst bewogen gefunden, zu genehmigen,

1. daß die jetzt und in Zukunft in den Sprengeln der katholischen Pfarreien Eußenheim, Gambach, Laudenbach, Mühlbach und Retzbach, sämtliche Bezirksamts Karlstadt, wohnenden Protestanten in die protestantische Pfarrei Thüngen, Dekanats Würzburg, eingepfarrt werden und

2. daß die in der Stadt Karlstadt und in den Sprengeln der obengenannten fünf katholischen Pfarreien jetzt und in Zukunft wohnenden Protestanten zu einer protestantischen Filialkirchengemeinde Karlstadt im Anschlusse an die protestantische Pfarrei Thüngen, Dekanats Würzburg, vereinigt werden.“[2]

Mit dieser Grundsteinlegung konnte nun der lang ersehnte Bau eines eigenen „Betsaal- und Schulhauses“ für die neugegründete Filialgemeinde begonnen werden. Etwa 320 Gemeindeglieder konnten diesen Festtag voller Freude und Stolz begehen.

 

Im Mai 1903 berichtete dann das kirchliche Monatsblatt für den Dekanatsbezirk Würzburg über diese Grundsteinlegung.

 

„Karlstadt. Unter dem Wechsel von Schneesturm und Sonnenschein wurde am zweiten Osterfeiertage in Karlstadt der Grundstein zu einem evangelischen Bet- und Schulhause gelegt. Diese Feier lenkt unser Auge mehr denn sonst auf das etwa sieben Stunden mainabwärts von Würzburg lieblich gelegene ... Städtchen.

... Durch die Errichtung der großen Zementwerke kamen Christen dahin und bald wuchs die Zahl derselben auf etwa 300 Seelen. Da wurde denn das Verlangen nach kirchlicher Versorgung immer lebendiger, und durch freundliches Entgegenkommen der Besitzer und des Direktors der Zementwerke und durch eifriges Wirken der Pfarrer von Thüngen wurde die Einrichtung evangelischer Gottesdienste, ja selbst die Errichtung einer evangelischen Schule in Karlstadt ermöglicht. Und siehe da, schon nach 11 Jahren ist es der kleinen evangelischen Gemeinde von Karlstadt gegönnt, den Grundstein zu einem eigenen Bet- und Schulhause legen zu können. Daß der erste Ton bei dieser Feier, der auch durch alle Lieder und Ansprachen hindurchtönte, nur der sein konnte: Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat! Ist ja nur natürlich. ... Die evangelische Gemeinde in Karlstadt möge in Frieden sich bauen, möge wachsen und blühen.“[3]

 

Binnen kurzer Zeit war in Karlstadt eine evangelische Gemeinde entstanden. Zwischen 1860 und 1870 hatten sich zwei evangelische Familien in Karlstadt niedergelassen.[4] „Der Neubeginn zu einer Gemeinde aber war erst mit der Gründung der Portland-Zementfabrik verbunden, deren Aktionärskonsortium im evangelischen Wetzlar und Gießen daheim war. Von dort kamen neben den leitenden Angestellten die ersten Arbeiter, denen sich weitere aus Hamburg, Berlin, Braunschweig und Hannover zugesellten.“[5]

 

Wenn man diese kurze Entwicklungszeit der evangelischen Gemeinde in Karlstadt bedenkt, dann kann man heute sehr gut die Freude, den Dank und den Stolz der evangelischen Christen am Tag dieser Grundstein nachempfinden.

 

altDem feierlichen Einweihungsakt folgten die Ansprachen von Herrn Dekan Pachelbel, Würzburg, und von Pfarrer Hahn, Thüngen. Beide wiesen zurecht auf die Verdienste von Herrn Direktor Steinbrück hin, ohne dessen tatkräftige Unterstützung dieser Kirchenbau nicht hätte verwirklicht werden können. Neben vielen Honoratioren der Stadt Karlstadt wohnte auch Herr Baron Hans von Thüngen der Feier bei. Der Bauplatz war feierlich mit Fahnen, Tannengrün und Kränzen geschmückt.

 

Auch die Karlstadter Zeitung berichtete am Dienstag, den 14. April, in ihrer Ausgabe von dieser Grundsteinlegung.

 

„Nachdem die Grundsteinlegung unter Einlage einer entsprechenden Urkunde und durch die von kernigen Sprüchen begleiteten Hammerschläge der beiden Herren Pfarrer, der Vertreter der hies. Behörden und den Mitgliedern der evangel. Kirchenverwaltung vollzogen, schloß unter einem allgemeinen Kirchengesange die erhebende Feier.“[6]

 

Zur Kirchenverwaltung gehörten damals neben dem Thüngener Pfarrer folgende Personen: die Magistratsräte Apotheker Forster und Friedrich Scheurich, der Konservenfabrikant Karl Plochmann, Kaufmann Georg Schneider und Obersekretär a.D. Jakob Walther aus Eußenheim.

 

Die Bayrischen Diaspora-Blätter, das Organ für die evangelische Diasporapflege in Bayern, haben einige Hammersprüche der damaligen Grundsteinlegung überliefert.

 

„In der ... verlesenen Urkunde wurde der Männer gedacht, die sich um die evangelische Gemeinde verdient gemacht hatten. Man hörte daraus auch, daß im Jahre 1892 wieder die ersten evangel. Gottesdienste im Speisesaal der Zementfabrik abgehalten wurden, daß im gleichen Jahre eine evangelische Schule entstand, zu deren zeitweiliger Erhaltung der Direktor gedachter Fabrik die Mittel gewährte, - ferner daß die Kosten des Baues 35000 Mark betragen, die zum größten Teil aufgebracht werden durch den Gustav-Adolf-Verein  - durch eine Landeskollekte, die sehr der Unterstützung bedarf – und durch 80 % Kirchenumlage der Gemeinde.

 

Dann wurde diese Urkunde mit den Blättern, welche der Gemeinde zu innerer und äußerer Sammlung dienen: dem bayer. Evang. Sonntagsblatt, den evangel. Diasporablättern, dem Würzburger evangel. Gemeindeblatt in den Grundstein gelegt und dieser verschlossen und zugemauert während die Gemeinde das Lied sang: Ach bleib mit deiner Gnade.

 

Nun taten die Hammerschläge mit Sprüche und Ansprachen: Der kgl. Bezirksamtmann – der Vertreter des Amtsgerichtes – des kgl. Rentamts – Baron von Thüngen: Der Jugend zur Lehr – dem Glauben zur Wehr – Gott zur Ehr - Bürgermeister Flasch: Den rechten Grund legen – geht über Menschen Vermögen – gibt Gott nicht Segen. – Pfr. Hahn: Sprich ja zu meinen Taten – hilf selbst das Beste raten – den Anfang, Mitt und Ende – ach Herr, zum Besten wende – u.a. Die kirchliche Weihe und Segen vollzog dann der kgl. Dekan und die Gemeinde schloß mit dem Choral: Nun danket alle Gott.“[7]

 

In der Urkunde, die damals zur Grundsteinlegung angefertigt worden war, wird ferner auch darauf hingewiesen, dass schon damals die katholischen Christen der „Katholischen Stadt Karlstadt“ mit ihren „evangelischen Mitbürgern in konfessionellen Frieden“[8] lebten.



[1]  Karlstädter Akten, Bd. I, Archiv des Evang.-

    Luth. Pfarramtes Karlstadt, Nr. 4, S. 164.

[2] A.a.O., S. 159.

[3] Würzburger Evangelisches Gemeinde-  

   blatt, 13. Jahrgang, 1903, Nr. 5 Mai.

[4] Vgl. dazu: W. Zapotetzky, 75 Jahre St.

   Johanniskirche 1904-1979, Karlstadt

   1979.

[5] A.a.O., S. 3.

[6] Karlstadter Zeitung, Nr. 83, Dienstag,

   den 14. April 1904.

[7] Bayerische Diaspora-Blätter, 2. Jahrgang,

   Nr. 9, 1. Mai 1903, S. 70f.

[8] Vgl. dazu: Karlstädter Akten , Bd. I,

    Archiv des Evang.-Luth. Pfarramtes

    Karlstadt, Nr. 4, S. 164.