Am Abend des 2. August 1914 schrieb der Vikar Otto Pültz in die Chronik der (Pfarr)Filialgemeinde Karlstadt folgenden Bericht:

 

„Ein für immer denkwürdiger Tag wird in der Geschichte der hiesigen evangelischen Gemeinde der 2. August 1914 sein. Am Abend des 1. Aug. 1914 um ¼ - ½ 9 Uhr traf die Telegrammnachricht ein: Mobilmachung befohlen! Um ¾ 9 Uhr drängte alles mit den erhaltenen Kiegsbeorderungen zu den hell erleuchteten Amtszimmern des Bezirksamtes. Boten an die Dörfer gingen per Wagen und Rad möglichst schnell hinaus. Die ganze Nacht durch wollte das Städtchen nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder schallte an mein Ohr, gesungen mit heller Begeisterung: „Es braust ein Ruf ....“ Junge Leute warens, die immer wieder Umzüge veranstalteten.

 

altMeine Predigt am Sonntag, den 2. Aug. 1914, galt vor allen Dingen dann den Protestanten, die mit hinausziehen sollten in den nahe bevorstehenden Krieg, und deren Familien. Ich war von Hr. Kommerzienrat Steinbrück, dessen 3 Söhne mitziehen müssen, gebeten worden, im Anschluss an den Gottesdienst das Hl. Abendmahl auszuteilen. Gern willfahrte ich dieser Bitte. Der Gottesdienst war ziemlich gut besucht. Ich redete in der Predigt von dem Segen, den der Krieg allen Betroffenen bringen sollte. Er erziehe 1.) zum Gottesglauben und 2.) zum Opfersinn. Die Herzen der Hörer waren, wie sonst nie, aufgeschlossen durch den bitteren Ernst der Lage. Manche Männer fuhren sich über die nassen Augen, Frauen weinten. Nach dem Gottesdienst meldeten sich acht der in den Krieg ziehenden zur Abendmahlsfeier an, sowie einige deren Angehörige. Es sind aber noch mehr Protestanten von hier eingezogen worden.

 

Unter den Ausziehenden befinden sich zwei noch jüngere Ehemänner, denen der Abschied von Weib und Kinder bitter ist, ferner unser Lehrer, der heute im Gottesdienst noch einmal die Orgel spielte und dann am Abendmahl (ohne Gesang u. Orgel) mitteilnahm. Ich drückte allen mit einem ernsten „Gott befohlen“ die Hand. Sie konnten vor Bewegung nicht sprechen. Wo mag den einen und anderen die tödliche Kugel finden, in welches Massengrab mag er mit Hunderten eingebettet werden? Wer kehrt heil und gesund zurück?

 

Der Herr behüte Euch!

Aufgezeichnet am Abend  des 2. Aug. 1914.“